Studierende der FHWS an Bohrmaschine, c Stefan Bausewein

„Ein Prof ist wie ein DJ“: Ein FHWS-Professor zieht nach zehn Jahren Resümee mit Blick in die Zukunft

15.03.2021 | fhws.de, Pressemeldung, FAS
Was macht eine Professur an einer praxisorientierten Hochschule aus, welche Ziele und Möglichkeiten gibt es

Professor an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften – was heißt das? Dr. Ulrich Gartzke ist seit einem Jahrzehnt Professor an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften an der FHWS. In einem Interview schildert er, was seine Tätigkeit ausmacht, welche Ziele er sich gesetzt hat, wie anwendungsorientierte Lehre aussehen kann und welche Hoffnungen er für die Zukunft seiner Tätigkeit hegt.

Herr Gartzke, Sie sind jetzt seit 10 Jahren Professor für „Management in sozialen Diensten und Einrichtungen“ an der FHWS.

Ich kann es manchmal selbst kaum glauben. Der Weg an die Hochschule war nicht unbedingt vorgezeichnet, auf die Stellenausschreibung habe ich mich damals eher spontan beworben. Der Einstieg war dann nicht ganz leicht, aber mittlerweile fühlt es sich wirklich gut an.

Es ist ein Job mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten und gut für meine Neugier. Ich habe in den zehn Jahren sehr viel lernen können von Kolleg*innen, Kooperationspartnern und den Studierenden.

Aber sollten die Studierenden nicht eigentlich etwas von Ihnen lernen?

Ich hoffe doch, dass die meisten der über 3.000 Studierenden, die bei mir eine von inzwischen mehr als 120 Lehrveranstaltungen besucht haben, etwas gelernt haben. Aber ich habe durch die Praktikumsberichte und die betreuten Master- und Bachelorarbeiten auch viel von ihnen gelernt und auch im persönlichen Austausch. Wir haben sehr viele Studierende an unserer Fakultät, die sich neben ihrem Studium für soziale und gesellschaftliche Themen engagieren. Das beeindruckt mich!

Was macht denn Ihre Lehre aus?

Mir ist ein starker Praxisbezug wichtig. Die Studierenden im Bachelor sollen aktuelles Wissen praxisnah vermittelt bekommen, wie soziale Einrichtungen organisiert sind und wirtschaften. Damit können sie sich dann beim Berufseinstieg gut zurechtfinden und ihre Fachaufgaben professionell erledigen. Im Master Soziale Arbeit sollen sie dann die Kompetenzen erwerben, um eine Leitungsfunktion in einer sozialen Einrichtung übernehmen zu können.

Als HAW-Prof fühle ich mich in der Lehre ein wenig wie ein DJ. Ich versuche, fremde Werke geschickt ineinander zu mischen, sie um eigene Aspekte zu ergänzen und dafür zu sorgen, dass eine positive Stimmung („Lernatmosphäre“) und Gruppendynamik entsteht.

Aber machen wir uns nichts vor, Sozialmanagement ist nicht immer „hitverdächtig“. Da gibt es auch einige „Stimmungskiller“ wie Bilanzanalysen oder Qualitätsmanagement.

Apropos DJ. Sie haben ja auch mal auf der Sozi-Party aufgelegt.

Das war eine große Ehre für mich, als die Studierenden mich 2015 gefragt haben und ich im Zauberberg für eine Stunde auflegen durfte und dazu getanzt wurde. Ich war ziemlich aufgeregt, ob ich den Musikgeschmack treffe.

Und Ihr Musikgeschmack: Was ist denn Ihre Top 5 Playlist?

Musik muss immer zur Situation und Stimmung passen, daher gibt es für mich keine allgemeingültige Top 5. Aber meine Top-Hits für die Soziale Arbeit wären spontan:

  • Help! – The Beatles
  • Gimme Shelter – The Rolling Stones
  • Was hat dich bloß so ruiniert? – Die Sterne
  • The Drugs Don´t Work
  • he Verve - To The Top – Gentleman

Was waren die fünf Highlights Ihrer bisherigen Zeit an der FHWS?

Es gab schon eine Vielzahl toller Momente, da fällt es schwer, eine Auswahl zu treffen.

  • Der Stadtrundgang mit Berti, dem Wohnungslosen, der einer Gruppe aus Schüler*innen und unseren Studierenden die typischen Orte gezeigt hat, wo er und andere Wohnungslose in Würzburg sich aufhalten. Und er hat uns das Leben und die Herausforderungen aus seiner Perspektive gezeigt. Das war sehr eindrücklich.
  • Die Anbahnung der Hochschulkooperation mit der University of Namibia (UNAM) und der Besuch von potenziellen Praktikumsstellen für unsere Studierenden in Namibia und Südafrika waren tolle Erfahrungen.
  • Der Konzeptathon 2019 in Lohr. Dort haben wir es geschafft, über 150 Studierende der FHWS aus fünf verschiedenen Studiengängen, einschließlich eines Masterkurses mit indischen Gaststudierenden, einen Tag in komplett gemischten Gruppen gemeinsam an realen Problemstellungen arbeiten zu lassen.
  • Das EisFreaks-Projekt: Hier haben Studierende der Sozialen Arbeit zusammen mit Studierenden der Fakultät Gestaltung mit einem alten Eiswagen ein Projekt entwickelt, um Jugendlichen mit schwierigen Voraussetzungen durch den Eisverkauf erste Arbeitserfahrungen schmackhaft zu machen.
  • Die drei Preisverleihungen an Studentinnen für ihre Masterarbeiten. Da sieht man, dass unsere Absolvent*innen Leistungen auf einem Top-Niveau erbringen, die keinen Vergleich mit anderen Fakultäten oder Hochschulen scheuen müssen.

Und was waren Ihre fünf größten „Pleiten“?

Es hat mich am Anfang hart getroffen, wenn Themen, die ich toll fand und mit viel Engagement vorbereitet habe, dann nicht so viel Resonanz bei den Studierenden gefunden haben. Mittlerweile kann ich das etwas besser einordnen und weiß, dass sehr viele Themen auf die Studierenden einprasseln und sie eine Auswahl treffen müssen.

Außerdem bin ich kein Freund von langen Sitzungen. Die gibt es aber doch gelegentlich an der FHWS. Damit muss ich wohl leben. Die coronabedingte Absage des Konzeptathons 2020, den wir für über 1.000 Teilnehmer*innen (FHWS-Studierende unterschiedlicher Fakultäten, Bürger*innen sowie Unternehmen und Organisationen) geplant hatten, hat mich auch getroffen, weil wir so ein engagiertes Vorbereitungsteam waren und uns sehr auf das Event gefreut haben.

Das waren aber nur drei.

Damit soll es auch genug sein, ich habe ja auch noch ein paar Jahre vor mir, da wird wohl auch noch etwas schiefgehen. Und insgesamt kann ich auf jeden Fall ein positives Zwischenfazit ziehen.

Die FHWS und unsere Fakultät „Angewandte Sozialwissenschaften“ haben sich in den zehn Jahren sehr stark weiterentwickelt. Das Studium ist internationaler geworden, die Studierenden und ihre Bedürfnisse stehen stärker im Mittelpunkt. Mit dem „Tag der Lehre“ und dem „Qualität der Lehre-Team“, das sich aus Lehrenden und Studierenden zusammensetzt, haben wir Instrumente geschaffen, um Feedback systematisch aufzunehmen, zu diskutieren und Probleme zu lösen.

Was sind Ihre drei Wünsche für die nächsten 10 Jahre?

Es würde mich sehr freuen, wenn wir es schaffen würden, die Prüfungskultur bei Großveranstaltungen zu ändern. Diese schriftlichen Prüfungen mit 300 und mehr Personen in einem Raum sind vermutlich für alle Beteiligten eher unangenehm und erscheinen mir nicht mehr zeitgemäß. Der Korrekturaufwand für uns Dozent*innen ist da auch sehr hoch. Mit einer anderen Prüfungskultur und stärker technischer Unterstützung lassen sich da sicher Veränderungen für sinnvolle Leistungsüberprüfungen realisieren.

Ebenso würde ich gerne das Thema Existenzgründungen im sozialen Bereich weiter voranbringen. Wir haben da an der FHWS mittlerweile ein vielfältiges Angebot und ein sehr professionelles Netzwerk. Das gilt es auszubauen, um Studierende für das Gründen zu begeistern und sie dabei nachhaltig zu unterstützen.

Der Austausch zwischen den Fakultäten könnte gesteigert werden. Wenn unsere angehenden Sozialpädagog*innen schon im Studium lernen, zusammen mit angehenden Informatikern Software zu entwickeln oder mit angehenden Architekten und Gestaltern über barrierefreie Gebäude und ihre Ausstattung nachzudenken oder mit angehenden Ingenieuren über passende technische Hilfsmittel für Menschen mit Handicaps zu diskutieren, hat das für alle einen echten Mehrwert und bereitet auf die Herausforderungen im Beruf vor.