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Flüchtlingslager Zaatari: Der ehemalige UNHCR-Camp-Manager Kilian Kleinschmidt zeigte neue Wege auf

Vision eines neuen Lebensraums mit Würde statt nur Wärme, Akzeptanz statt Ausgrenzung und Mitarbeit statt Mitleid

Kilian Kleinschmidt wurde von der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt im Rahmen der Herausforderungen durch Flüchtlinge eingeladen, zum Thema „Mehr als nur Überleben - von humanitärer Hilfe bis hin zu neuen Perspektiven“ einen Vortrag zu halten. Kleinschmidt war u.a. bis zum Oktober 2014 als UNHCR-Camp-Manager im Flüchtlingslager „Zaatari“ mit rund 120.000 Menschen an der syrisch-jordanischen Grenze tätig. Aktuell arbeitet er als Berater, globaler Netzwerker und Gründer der Organisation „Innovation and Planning Agency“ in Wien, berät die österreichische Bundesregierung in Flüchtlingsfragen.

Im überfüllten Hörsaal schilderte der Wahl-Berliner seine anfängliche Aufgabe in Zaatari, in dem es mafiöse Strukturen gab, Diebstähle, Gewalt. Er fragte die Zuhörer, ob sie schon einmal Zehn- bis Zwölfjährige erlebt hätten, die eine Polizeistation gestohlen haben. Ob sie sich vorstellen könnten, dass Pfähle des Lagers „umfunktioniert“ werden, um die Wohncontainer, die feste Plätze durch die Hilfsorganisationen zugewiesen bekommen hätten, um Wege freizuhalten z.B. für Krankenwagen, umzustellen, damit man als Großfamilie zusammenleben könne mit den Cousins und einem gemeinsamen Innenhof mit Brunnen.

Es sei von den Hilfsorganisationen alles gemacht worden, was im Buch stehe – adäquate Quadratmeterzahl pro Person, genügend Trinkwasser, Nahrung, Toiletten, Kinderversorgung – alles par excellence. Und trotzdem habe sich Zaatari zu einem gewalttätigen Lager entwickelt mit Verletzten und Toten. Warum?

Kleinschmidt sieht einen einzigen Grund: Es habe an Menschenwürde gefehlt, es sei nicht auf Augenhöhe gesprochen worden, man habe ein Lager geschaffen mit „Almosen“-Empfängern. Sobald man Menschen in ungewollte Abhängigkeit bringe und sie ausgrenze, entstehe Frustration und Gewalt.

In der mehrteiligen Serie „Zaatari. Ein Tag im Leben“ (Zaatari) zeigt Kleinschmidt auf, wie er neue Optionen der Entwicklungszusammenarbeit auf den Weg gebracht habe: Es gehe nicht darum, ein Lager aufzubauen, sondern eine Stadt – in Zaatari in der Größe von Würzburg innerhalb von nur wenigen Monaten. Mit der Vision, einen Lebensraum für die Menschen zu schaffen, sei auch verbunden, ihnen ein Stück Normalität zu geben – der Einkauf mit Kreditkarten, der Besuch beim Friseur, die Stadtgestaltung, die Einteilung der Wohnstätte mit Stadtteilen, die Mobilität mit Fahrrädern, mit Arbeit, Mitbestimmung, Mitsprachemöglichkeiten. Es müsse gelingen, Menschen nach der Flucht wieder in Wirtschafts- und Sozialkreise zu integrieren.

Seine Erfahrungen aus langjähriger Entwicklungs- und Flüchtlingsarbeit an vielen Krisenherden dieser Erde hat Kleinschmidt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Weil es um die Menschen geht“, Ullstein-Buchverlag, (19,90 €) zusammengefasst.