Studentinnen im Gespräch

Seminar der Sozialwissenschaften: Asylbewerber im Dorf – wie das Miteinander gelingen kann

Diskutiert wurden ebenso gut funktionierende Strukturen wie auch Herausforderungen und noch mangelnde Vernetzung

Die Schule für Dorf- und Landentwicklung (SDL) in Thierhaupten lud u.a. die Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule Würzburg-Schweinfurt ein zum Thema „Asylbewerber im Dorf – wie das Miteinander gelingen kann“. Die SDL-Schulen engagieren sich für Bürgerbeteiligung und qualifizieren die politisch Verantwortlichen der Kommunen.

Professorin Dr. Theresia Wintergerst hält schon seit vielen Jahren Seminare zu Innovationen für die soziale Kommunalpolitik in Thierhaupten (bei Augsburg). Mit der Geschäftsführerin Gerlinde Augustin und der Diplom-Sozialpädagogin Christine Brandmeir konzipierte sie diesmal ein Seminar, das den politisch Verantwortlichen im ländlichen Raum Anregungen gibt, wie sie mit den gestiegenen Anzahl von Flüchtlingen konstruktiv umgehen können. Die Nachfrage war groß. Bürgermeister, Verwaltungsmitarbeiter der Kommunen und Ehrenamtliche der Helferkreise überlegten gemeinsam, welche Wege sie zur Integration von Asylbewerbern im Dorf gehen wollen.

Zunächst erläuterte Professor Dr. Ralf Rosskopf die Grundlagen des Asylrechts und des Asylverfahrens: Welche Menschen haben Anspruch auf Schutz in Deutschland? Wie ist Unterbringung, Arbeit und Soziales geregelt? Auch in den dezentralen Unterkünften im ländlichen Raum haben diese rechtlichen Rahmenbedingungen enorme Bedeutung. Matthias Schopf-Emrich, langjähriger Leiter der Asylsozialberatung und Referatsleitung Migration des Diakonischen Werks Augsburg, vertiefte die Analyse, in dem er die Gruppen der aktuell Flüchtenden vorstellte. Seit vielen Jahren engagiert sich Klaus Habermann, Bürgermeister der Stadt Aichach, für eine optimale Aufnahme der Flüchtlinge in seiner Stadt. Er gab den Teilnehmern konkrete Handlungsleitlinien und ermutigte die Bürgermeister, sich nicht von Befürchtungen leiten zu lassen. Er betonte in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit von Pressearbeit: Pressevertreter, die nachhaltig über die Flüchtlingsaufnahme berichten, seien eine wichtige Unterstützung für gelingende Aufnahmeprozesse vor Ort. Eine unaufgeregte Kommunikation und Kooperation schaffe Entspannung, so Habermann. Entscheidend dabei sei eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wohlfahrtsverbänden und Ehrenamtlichen.

Seit vielen Jahren schon bewähre sich der Runde Tisch Asyl in Aichach, an dem wichtige Vertreter zusammenarbeiten. Die Nachbarschaften der Unterkünfte, die Kirchen und Wohlfahrtsverbände, Vereine und Sozialarbeiter, die Kommunen und das Landratsamt sowie die Schulen seien wesentliche Akteure, die aufeinander abgestimmt handeln sollten. Bürgermeister Thomas Gründl von Bad Heilbrunn beteiligte sich mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern Elisabeth Feichtmair, Ingrid Spinkler und Karl Bopp, um den Weg seiner Gemeinde vorzustellen, Asylbewerber in vielen kleinen dezentralen Unterkünften unterzubringen. Stefanie Kratzer von der Freiwilligenagentur des Landkreises Aichach berichtete über die gezielte Gewinnung und Förderung von Ehrenamtlichen für die Asylarbeit: So gebe es spezielle Fortbildungen für ehrenamtlich geführte Sprachkurse. Auch das Thema Nähe und Distanz sei für die Ehrenamtlichen relevant, für die die Freiwilligenagentur Räume zur Reflexion biete.

Die Ehrenamtlichen wünschten sich eine stärkere Professionalisierung des Flüchtlingswesens: Intransparente Vorgehen von Behörden stellten eine Herausforderung dar. Eine regionale Vernetzung der verschiedenen Helferkreise wäre ebenso hilfreich, wie eine einheitliche Linie zur gesundheitlichen Versorgung. Mit Erstaunen nahmen die Teilnehmer zur Kenntnis, dass z.B. in der Stadt Augsburg die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge über den Erhalt einer Krankenkassenkarte möglich sei. Deutlich wurde, dass die geforderte Zusammenarbeit der Behörden, der Wohlfahrtsverbände und der Ehrenamtlichen nur sehr punktuell stattfindet, oft zu Lasten der Asylbewerber und der Ehrenamtlichen.

Es wurden Strukturen deutlich, die zu einem dauerhaften funktionierenden Flüchtlingswesen gehören, hierzu zählen z.B. der regionale Austausch der Helferkreise auch auf Landkreisebene, darüber hinaus der Beitrag der Vereine zur Teilhabe der Flüchtlinge, die Nähe- und Distanzprobleme der Ehrenamtlichen, die Forderung nach Finanzdienstleistungen und Krankenversicherungen für Asylbewerber. Dabei tauchten auch klassische Fragen auf, u.a. welche Gebäude sich eignen für Gemeinschaftsunterkünfte, wie Sprachkurse für Asylbewerber gelingen können, wie Mütter die Sprache erlernen können, wenn sie ihre Kinder beaufsichtigen, wie der Zugang zum Arbeitsmarkt gefördert werden kann, wie für Mobilität gesorgt wird. Ebenso wurde die Wohnungssuche für Flüchtlinge mit Aufenthaltsgenehmigung in angespannten Wohnungsmärkten als Problem angesprochen und der Mangel an staatlich finanzierten Sprachkursen.

Im Rahmen eines World-Cafés entwickelten die Teilnehmer einen Fahrplan, wie vor Ort Flüchtlinge gut aufgenommen werden können. Ein langjährig Engagierter ist überzeugt: Ein gute Aufnahme von Flüchtlingen vor Ort sei praktische Friedensarbeit.