Eine Gruppe FHWS-Angehöriger aus der Vogelperspektive

„Die Luft der Freiheit weht“: Vortrag von Pfarrer C. Dopheide über die Digitalisierung des Sozialen

21.03.2018 | Pressemeldung, FAS
Thesen, wie Mitmenschlichkeit in einer Weltgesellschaft gelingen kann, trug der Referent vor Masterstudierenden vor

Wenn man Gesprächsinhalte von Betriebswirten und Unternehmern höre, so fielen dort Begriffe wie Big Data, Industrie 4.0 oder Digitalisierung – befände man sich unter Sozialarbeitern, würde man dies so nicht erwarten. Pfarrer Christian Dopheide stellte seine interdisziplinären Thesen „Zur Digitalisierung des Sozialen – Fragmente zu einem Epochenwandel“ rund dreißig neuen Masterstudierenden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt vor.

„Es gilt zu erahnen, wie die globale Vernetzung digitaler Informationen das Soziale selbst, nämlich das gesamte gesellschaftliche Arrangement der Menschheit, tiefgreifend verändert.“ Die Umbrüche der Gegenwart seien epochal, so Dopheide, und griffen aus seiner Sicht mit den vier Stufen der Industriezeitalter zu kurz: Er sehe, angelehnt an den Ökonom Peter F. Drucker, eine Gesellschaft, die Kommunikation sei und sich durch sie definiere in vier Aspekten: der Sprache, der Schrift, über den Buchdruck sowie heutzutage über Bits und Bytes.

Wer davon ausgehe, dass die Welt sich erst künftig vernetzen werde, erkenne die globalen Wandlungen nicht, die bereits seit 1989 mit Tim Berners-Lee im europäischen Kernforschungszentrum CERN mit der Geburtsstunde des world wide web ihren Anfang genommen hätten. Diese globale Vernetzung habe die Perspektive auf eine ganz neue Freizügigkeit als Menschenrecht etablieren können, in der die Obrigkeit und Politik nicht mehr in erster Linie „durchregieren“ könne, sondern vielmehr verhandeln müsse.

Auch im Bereich der Vernetzung der Daten und Dinge erlebten die Menschen zunehmend Verwerfungen und Neuerungen – was wäre, wenn sich viele Arbeitsfelder künftig von selbst erledigten? Arbeit sei nicht nur dazu da, etwas kaufen oder bezahlen zu können, sie sei vor allem auch dazu da, um Menschen das Gefühl zu geben, für Mitmenschen und die Gesellschaft von Bedeutung zu sein. Es ginge nicht nur um Brot, sondern übertragen auch um „Spiele“, die in sich sinnhaft seien und doch zu nichts nutzten - Dopheide zitierte Friedrich Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Übertragen auf die soziale Arbeit sei beispielsweise die Palliativversorgung von todkranken Patienten in sich sinnhaft.

In einer weiteren These plädierte Dopheide dafür, dass das Soziale auf den Markt und in die Märkte gehöre. Die soziale Arbeit solle professionalisiert, etabliert, ökonomisiert werden. Mit einer Digitalisierung verschiedener Vorgänge sozialer Angebote und Institutionen könne eine „Luft der Freiheit“ in der sozialen Arbeit „wehen“ (Zitat Ulrich von Hutten), indem auf Basis von Transparenz und Toleranz neue Techniken in den Berufsalltag zweckgebunden eingesetzt werden. Mit freien Wohnprojekten statt Heimen, Selbstbestimmung von Schwerbehinderten statt Bevormundung oder Ambulantisierung statt stationärer Einrichtungen im Pflegebereich sei es Patienten wie Angehörigen möglich, selbstbestimmter und selbstbewusster auftreten zu können. Wenn in Krankenhäusern das Essen von Robotern serviert werde, die Diagnose ein Dr. Algorithmus stellen würde, seien diese digitalen Prozesse wohl mit Kränkungen von Ärzten und Pflegekräften verbunden – sie böten jedoch auch Chancen, die Professionalität in weiteren Arbeitsbereichen aufzuwerten, von denen man heutzutage noch keine konkreten Vorstellungen habe; dies könnten erst nachfolgende Generationen einschätzen, einordnen und werten.

Neben den Vorzügen der Digitalisierung benennt Dopheide auch weitere Seiten der Neuerungen: Es käme zu einer „Reformation des Privaten“, in der das Leben komplexer werde, der Datenschutz eher einem Datenrespekt weiche und die Privatsphäre eine mehr untergeordnete Rolle spiele. Die Vorhänge zuhause seien nicht mehr zu, die Abgrenzung zwischen „drinnen“ und „draußen“ werde zunehmend aufgelöst. Der Referent stellte die Frage in den Raum, wie Mitmenschlichkeit in einer Weltgesellschaft gelingen könne – mit Mut und Demut und der Einsicht, dass Standards stetig neu verhandelt werden. Vieles aus dem Hier und Jetzt habe weiter Bestand, wenn auch im neuen Gewand: Wo früher vor dem Essen gebetet wurde, werde heutzutage „Food Porn“ ins Netz gestellt – beiden Handlungen gemeinsam sei aber immer noch, dass der Dank für die gute Mahlzeit in die „Cloud“ geschickt werde.

Dopheides Buch „Die Digitalisierung des Sozialen“ ist auch als EBook in der FHWS-Bibliothek verfügbar: Bib-Katalog