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Obdachlos und krank: FHWS-Masterarbeit zeigt Wege für den Einzug in die eigenen vier Wände

22.03.2022 | fhws.de, Pressemeldung, FAS
Hochschul-Absolventin wird für ihre Masterarbeit ausgezeichnet

Ohne feste Bleibe und chronisch erkrankt – für diese Menschen engagiert sich die Absolventin des Masterstudiengangs Soziale Arbeit, Sarah Bernhardt. In ihrer Masterarbeit „Wohnungslos und psychisch krank - ein Leben zwischen den Hilfesystemen. Eine theoretisch und qualitativ-empirisch fundierte Konzeptentwicklung für wohnungslose, psychisch kranke Menschen“ hat die Sozialpädagogin ein Konzept für das Projekt „VierWände“ erstellt. Sie wurde hierfür mit 1.500 Euro von der Gesellschaft der Förderer und Freunde der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt e.V. ausgezeichnet. Betreut hat die Arbeit Prof. Dr. Rebecca Löbmann von der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften.

Auf mehr als zweihunderten Seiten zeichnet Sarah Bernhardt Wege nach, die Menschen in die Wohnungslosigkeit bringen können. Und sie entwickelt auf fundierter Basis ein Konzept, wie dem Teufelskreis aus Obdachlosigkeit, Sucht, psychischen Erkrankungen und einem wiederkehrenden Drehtür-Effekt wirkungsvoll begegnet werden kann.

Wege in die Wohnungslosigkeit - Drehtüreffekt

Wie kommt es, dass Menschen obdachlos werden? Bernhardt nennt als mögliche Ursachen u.a. Miet- und/oder Energieschulden, Arbeitsplatzverlust, Ortswechsel, Trennungen oder Scheidungen, Konflikte im Wohnumfeld oder chronische (Sucht-) Erkrankungen. Diese Umstände können viele Menschen treffen. Zahlreiche unter ihnen finden keinen Ausweg und geraten in einen Teufelskreis: „Insbesondere wohnungslose Menschen mit einer psychischen Erkrankung kompensieren diese durch den Konsum von Suchtmitteln. Dadurch entsteht ein nur sehr schwer zu durchbrechender Kreislauf aus psychischer Erkrankung, Sucht und Wohnungslosigkeit“, so die Wissenschaftlerin. Psychisch erkrankte Wohnungslose werden durch fehlende Zugangsvoraussetzungen aus dem psychiatrischen Behandlungs- und Versorgungssystem ausgegrenzt. Erschwerend für eine Behandlung kommen bei vielen Wohnungslosen mögliche Zwangseinweisungen, sehr ausgeprägte Symptome, weitere körperliche Erkrankungen, eingeschränkte soziale Fähigkeiten sowie ein innerer Widerstand gegen therapeutische Maßnahmen hinzu.

Durch das Fehlen einer Wohnung, einer (Post-) Adresse kann die Zuständigkeit von Ämtern und Anlaufstellen nicht geklärt, können Kostenträger nicht ermittelt werden. Mit dem Resultat, dass diese Menschen zwischen den Hilfesystemen hin- und hergeschoben werden und teilweise durch die Raster fallen. Die Konsequenz: „Aufgrund der multikomplexen Problemlagen von Wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen bedarf es einer multidimensionalen und multiprofessionellen Hilfemaßnahme.“

Rechte der Menschen - Aufgaben der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit hat sich als Menschenrechtsprofession das Ziel gesetzt, soziale Themen und Probleme zu bearbeiten, sie ggf. zu lösen und präventiv tätig zu werden. Nach Angaben der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen haben alle Menschen ein „[...] Recht auf einen Lebensstandard, der Gesundheit und Wohl für sich selbst und die eigene Familie gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust der eigenen Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände“.

Konzept des Projektes „VierWände“

Sarah Bernhardt hat mitgewirkt am Projekt „VierWände“: Das Konzept verfolgt das Ziel, Verbesserungen der Versorgungslage wohnungsloser Menschen in der Region Main-Rhön zu entwickeln. Träger ist der Diözesan-Caritasverband Würzburg, finanziert wird das Projekt mit Fördermitteln des Bayerisches Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales im Rahmen des „Aktionsplan Bayern Wohnungslosenhilfe“. Als Grundlage erarbeitete die Wissenschaftlerin den gegenwärtigen Forschungsstand und führte Interviews mit zwölf Fachkräften der Sozialarbeit durch.

Um die Unterbringungssituation von wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern, sei es notwendig, eine Einrichtung zu schaffen, die diese Zielgruppe anspreche. Optimiert werde darin die Zuweisungspraxis innerhalb des Systems der Wohnungslosenhilfe bzw. an den Schnittpunkten mit weiteren Hilfesystemen. Bernhardt: „Hierfür sollen Menschen dieser Personengruppe aus den Psychiatrien, Notwohnquartieren und Pensionen in einem Clearingverfahren eine individuelle, passgenaue und qualifizierte Hilfe- und Weitervermittlung angeboten bekommen. Um dies zu ermöglichen, ist eine enge Zusammenarbeit mit den bereits bestehenden Angeboten der Wohnungslosenhilfe, psychiatrischen Kliniken, ansässigen Ärzt*innen, sozialen Diensten und zuständigen Behörden vorgesehen.“ Das Clearingverfahren ist ein Prozess der sozialpädagogischen und evtl. psychologischen Diagnostik.

Ein weiteres Ziel sei die Vermeidung des Drehtüreffekts: Nach Entlassungen aus Kliniken könne die darauffolgende mangelnde Versorgung zu erneuten Einweisungen führen. Relevant sei darüber hinaus eine schnelle und passende Weitervermittlung in den Bereich der Wohnungslosenhilfe oder der psychiatrischen Versorgung durch qualifizierte Clearingarbeit. „Je nach Schweregrad der psychischen Erkrankung wird für einen Teil der Personengruppe eine betreuungsintensive Anschlusseinrichtung mit den entsprechend erforderlichen Rahmenbedingungen notwendig sein“, so sieht es das Konzept vor.

Das Förderkonzept umfasst vier Bereiche. Es soll:

  • eine ambulante Beratung und Hilfestellung sicherstellen
  • einen niedrigschwelligen Zugang mit der Möglichkeit eines Clearings im Sinne des ambulant betreuten Wohnens bereithalten
  • eine intensive therapeutische Hilfestellung geben und gesundheitliche Verbesserungen im Rahmen einer stationären Einrichtung ermöglichen
  • eine Perspektive für ein Leben in einer eigenen Wohnung bei weiterer Hilfestellung im Sinne des ambulant betreuten Wohnens eröffnen.

Auszeichnung: Laudatio der betreuenden Professorin

Prof. Dr. Rebecca Löbmann von der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften lobte die Handlungsempfehlung der Masterabsolventin: „Frau Bernhardt war und ist es ein Anliegen, sich für Randgruppen unserer Gesellschaft, für die sich sonst niemand interessiert, wie psychisch kranke Wohnungslose, einzusetzen und dies nicht nur aus dem Bauch heraus, sondern auf wissenschaftlicher Grundlage und als professionell handelnde Fachkraft.“

Zur Person: Sarah Bernhardt

Nach dem Abitur hat Sarah Bernhardt ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Tansania in einem Heim für Kinder und Jugendliche absolviert. Anschließend nahm sie ein Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik in Bamberg auf, durchlief ein Praktikum an einer Beratungsstelle für Langzeit-Arbeitslose. Es folgte das Masterstudium Soziale Arbeit an der FHWS. Studienbegleitend nahm sie eine Tätigkeit in einer psychotherapeutischen WG für psychisch kranke Mädchen auf. Nach dem erfolgreichen Studium hat Bernhardt nun eine Weiterbildungsmaßnahme zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin am Klinikum Ansbach begonnen.