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Sechs junge Menschen erleben den „Barnum-Effekt“: Was glauben wir wem und warum

10.12.2021 | fhws.de, Pressemeldung, FAS
Horoskop, Wahrsagung, Coaching: FHWS-Professor zeigt Techniken und Tricks unseriöser Persönlichkeitsanalysen

„Das kann mir doch nicht passieren“ – sechs junge Menschen nahmen an einer Persönlichkeitsanalyse teil und sind nach dem psychologischen Experiment besser gewappnet, Scharlatanen und Scheinwissenschaften auf den Leim zu gehen. In einem seriös wirkenden Set mit einer Moderatorin und einer Coachin erhielten die Teilnehmenden Fragebögen, die anschließend ausgewertet und ihnen als persönliches Profil erläutert wurden.

Angewendet wurde in dem Experiment der sogenannte „Barnum-Effekt“, abgeleitet vom Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum, der in seiner Manege für jeden etwas im Programm dabeihatte. Der „Barnum-Effekt“ bezeichnet die Neigung von Menschen, unspezifische allgemeingültige Aussagen über sich selbst so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden könnten. Dr. Christoph Bördlein, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), begleitete das Projekt.

Zum Ablauf: Sechs junge Menschen, die sich auf einen Redaktionsaufruf der Sendung „Die Frage“ zur Teilnahme gemeldet hatten, sollten zur Persönlichkeitsanalyse ihren Lieblingsgegenstand mitbringen, den Fragebogen ausfüllen und ein Bild eines persönlichen „perfekten“ Tages malen. Anschließend nahm die Coachin die Bögen mit, um Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Eine Stunde später erhielten die Teilnehmenden ihre Profile und zeigten sich gespannt, ob sie sich mit den eigenen Empfindungen deckten, wie sie sich selbst sehen und wie sie auf andere wirken.

Prof. Bördlein begleitete die Abläufe unsichtbar im Hintergrund. Es gehe um die Frage, was Menschen wem glauben und warum. Im Interview mit der Moderatorin Lisa-Sophie Scheurell des Formats „Die Frage" erläuterte er die einzelnen Schritte sowie die Hintergründe, die Menschen bewegten, Horoskopen, Wahrsagungen oder vermeintlichen Coaches Glauben zu schenken und ggf. für Prognosen Geld auszugeben.

Die vermeintlich individuell formulierten Persönlichkeitsprofile des Test-Plazebos seien sehr allgemein und „schwammig“ gehalten, so Bördlein. So wurden u.a. Fragen mit der Bitte um zutreffendes Ankreuzen gestellt wie „Ich arbeite hart“ / „Manchmal bin ich ein bißchen faul“ oder „Ich lebe in einer glücklichen Beziehung.“ / „Ich bin Single. Es ist kompliziert.“ Im Persönlichkeitsprofil wurden den Teilnehmenden beispielsweise folgende Charaktereigenschaften zugesprochen: „Du hast eine Neigung zur Selbstkritik.“, „In manchen Situationen fällt es dir deutlich leichter zu reden als in anderen.“ oder „Deine Persönlichkeit weist zwar auch Schwächen auf, die du aber allgemein auszugleichen weißt.“ Menschen suchten Belege für das Formulierte, ob es tatsächlich zutreffen könnte. Mitgebrachte persönliche Gegenstände seien „eine nette Finte“: Sie offenbarten etwas von den Befragten und machten es glaubhaft, dass das Persönlichkeitsprofil ganz individuell auf einen selbst gemünzt sei.

Die Umgebung u.a. mit Coachin und Fragebögen vermittele eine Seriosität des Projektes. Auch die Aufforderung zum Malen eines perfekten Tages zähle zur Strategie von Scharlatanen: Vielen Beteiligten sei es peinlich, ein Bild mit Strichmännchen zu malen; sie machten im Rahmen der Befragung trotzdem mit, weil es dazu gehöre, und erwarteten anschließend, dass es ihnen etwas bringe im Rahmen der Profilbildung.

Anschließend erhielten die Teilnehmenden ihre Profile. Ohne es zu wissen, handelte es sich hierbei jedoch um einen identischen, sogenannten Standard-Barnum-Text. Ihre Reaktionen zu den Charakteristika: „Das würde ich absolut so unterschreiben – krass“ und „Ich habe das Gefühl, dass das hundert Prozent passt.“ Der Barnum-Effekt greife, so Bördlein: Die teils widersprüchlichen wie schmeichelhaften Aussagen werden gern angenommen, während Aspekte, die als nicht so zutreffend erachtet werden, ausgeblendet werden. Im Schnitt, so der Wissenschaftler, werden 98 Prozent der Aussagen in Barnum-Texten für richtig und zutreffend erachtet.

Anschließend wurde das Experiment aufgelöst und die Teilnehmenden über die wissenschaftlichen Hintergründe aufgeklärt. Der Professor versicherte, das Verhalten sei keine Schwäche. Die Teilnehmenden hätten sich rational verhalten und geprüft, inwiefern der Profiltext stimmen könnte; sie hätten ihn gelesen in der Annahme, dieser sei individuell angefertigt worden. Die Kommentare der jungen Beteiligten: „So würde man sich selber eigentlich beschreiben“ und „Ich habe gemerkt, wie gutgläubig ich bin.“ Ihr Fazit: Sie wollen künftig bei vermeintlichen Fakten mehr hinterfragen, was ihnen gesagt werde.

Bereits 1948 wurde das Experiment durchgeführt

Bereits 1948 hatte der Psychologe Bertram R. Forer dieses Experiment mit Studierenden durchgeführt. Anschließend händigte er die angeblichen Testergebnisse aus und forderte die Teilnehmenden dazu auf, den Wahrheitsgehalt dieser Auswertung zu bewerten. Der Durchschnitt lag bei 4,26 von 5 Punkten, die Auswertung wurde also mehrheitlich als zutreffend gewertet. Tatsächlich hatte Forer den Test nicht ausgewertet, sondern allen Teilnehmenden dieselbe Charakterisierung ausgehändigt. (Barnum-Effekt)

wissen.de: Warum gehen wir dubiosen Persönlichkeitstests auf den Leim

abitur und studium.de: Barnum-Effekt - Was glauben wir wem und warum

Kontakt: Hochschule Würzburg-Schweinfurt

Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften

Prof. Dr. Christoph Bördlein

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