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Weg vom Prinzip „One drug fits all“ hin zur smarten Gesundheit: Bachelorarbeit zeigt Perspektiven auf

29.03.2022 | fhws.de, Pressemeldung, FG
Magdalena Soetebeers FHWS-Bachelorarbeit wird prämiert

Der Traum vom ewigen Leben in Gesundheit - Big Data verspricht, Krankheitssymptome und Gesundheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und damit die Gesundheitsprävention zu fördern auf dem Weg hin zu einem intelligenten Wohlergehen. Magdalena Soetebeer hat mit ihrer Bachelorarbeit „Smarte Gesundheit - Chancen und Risiken von Smart Health für die Gesundheitsprävention in der Zukunft“ nicht nur ein gesellschaftlich relevantes und sensibles Thema aufgenommen. Ihre Ausarbeitung und Analyse wurde darüber hinaus von der Gesellschaft der Förderer und Freunde der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt e.V. prämiert.

Die Digitalität, so Soetebeer, dringe in alle Bereiche menschlichen Lebens vor, und die Balance zwischen den positiven Effekten digitaler Tools wie parallel dem Bedürfnis nach Datensicherheit seien Aspekte öffentlicher Diskussionen. Die Grundbausteine dieser Entwicklung seien

  • digitale Möglichkeiten, um Gesundheitsdaten zu speichern
  • Informationssysteme, um diese Daten zu verarbeiten und nutzen zu können (Healthcare Information Systems) sowie
  • unzählige tragbare Smarte Devices, um Daten aus dem Alltag zu erheben.

Dabei sei ein durchdachtes Interaktionskonzept grundlegend, um mittels einer möglichst intuitiven Nutzung den Wert der Daten für User durch gefühlsbetontes wie informationelles Feedback zugänglich zu machen.

Rückblick: Risiken früher und heute

Magdalena Soetebeer gibt einen kurzen Rückblick in unterschiedliche Herausforderungen an Medizin damals und heute. Seien Menschen früher u.a. mit Unterernährung, schlechter Wasserqualität und Tuberkulose konfrontiert gewesen, stünden heutzutage viele Erkrankungen im Fokus, die mit einem modernen Lebensstil in Verbindung gebracht werden, wie z.B. Bluthochdruck, Bewegungsmangel oder die Folgen von Fettleibigkeit wie Diabetes Typ II.

In der Medizin sei man weggekommen vom Prinzip „one drug fits all“ hin zu einer neuen Stufe personalisierter Präzisionsmedizin. Der Ansatz: Je mehr Informationen über den Zustand des Körpers gesammelt werden, desto mehr Stellschrauben bieten sich an, um verschiedene Parameter zu optimieren und Risikofaktoren zu minimieren - Big Data als Lösung, um die Grenzen der medizinischen Möglichkeiten zu verschieben.

Die neue Lust an der „Selbstverdatung“ und Lifelogging

Die Wissenschaftlerin stellt eine neue Lust der Selbstbetrachtung und –optimierung fest und zitiert Stefan Selke: „Die neue Lust an der Selbstverdatung korrespondiert perfekt mit dem Anwachsen von Komplexität und Kontingenz sowie der Angst vor Kontrollverlust in modernen Gesellschaften. Wir finden es mehr und mehr `natürlich`, Gefahren in (berechenbare) Risiken und (erwartbare) Sicherheiten zu zerlegen, um so eine Beherrschbarkeit der Welt zu suggerieren. Im Zwischenraum zwischen diffusen Erwartungen und vorenthaltenden Erfüllungen etablieren sich die Versuche, durch Selbstvermessung die stets vorhandene Unsicherheit der Welt und die Fehlerhaftigkeit des störanfälligen Menschen zu minimieren.“

Das Lifelogging, das Protokollieren verschiedener Aspekte des alltäglichen Lebens, ermöglicht stetige Selbstbeobachtung, Selbstbeurteilung und Selbstreaktion. Sogenannte Fitness-Tracker, Smart Watches oder Funktionskleidung mit Sensoren ermöglichen es heutzutage, Vitalfunktionen zu messen, aufzunehmen, die Daten weiterzuleiten und auszuwerten. Menschen sind bereit, Systemen die Aufgabe zu übertragen, Daten zur Optimierung ihres Bewegungs- und Gesundheitszustandes analysieren zu lassen.

Zugang zur Digitalisierung des Gesundheitswesens

Um Menschen dazu zu bringen, ihre Daten zur Verfügung zu stellen und die Benutzungsfreundlichkeit von Trackern und Sensoren zu steigern, spielen aus Soetebeers Sicht drei Schlüsselbegriffe eine wichtige Rolle:

  1. Gamification (der Einsatz spieltypischer Elemente)
  2. Quantified-Self (die Selbstverfolgung, Messung und Quantifizierung aller Aspekte des täglichen Lebens)
  3. Social Networking (soziales Netzwerken). „Werden Informationen zur Gesundheit sowohl mit affektivem, informativem und sozialem Feedback verknüpft, hat dies oft einen größeren Einfluss auf den Nutzer, als eine rein informative Aufbereitung von Fitnessdaten“, so die Kommunikationsdesignerin.

Zudem kann bei der Untersuchung der Interaktionskonzepte von E-Health Anwendungen zwischen verschiedenen Formen der Motivation unterschieden werden: der intrinsischen (aus eigener) Motivation, der extrinsischen (von außen her) Motivation sowie der Image Motivation.

Neben der Analyse von motivierenden Interaktionskonzepten für E-Health Anwendungen werden in der Arbeit weitere Aspekte des Diskurses um die Möglichkeiten und Grenzen von Smart Health Konzepten aufgegriffen, um neben Chancen auf Fortschritte in der Gesundheitsforschung auch der philosophischen Betrachtung von Datensubjektivität und nicht zuletzt der ethischen Debatte um die individuelle Vermessung der Gesundheit Raum zu geben. Bei der Frage, wie weit es möglich ist, mithilfe von Daten ein umfassendes Verständnis der individuellen Gesundheit mit alle ihren Facetten zu erlangen, stellt Soetebeer drei verschiedene Perspektiven vor:

  • den Positivismus: Der Erkenntnisgewinn geschieht durch Daten: Es ist alles theoretisch messbar, man benötigt nur die entsprechenden technischen Möglichkeiten.
  • den Konstruktivismus: Bei diesem Ansatz geht man davon aus, dass es nicht möglich sein wird, die Gesundheit absolut zu vermessen. Daher sei es wichtig, die Perspektive, aus der heraus Erkenntnisse gewonnen werden, zu reflektieren.
  • den Pragmatismus: Bei der dritten Option betrachtet man zuerst, welche Bedürfnisse Menschen haben und wie sie Erkenntnisse und Technologie von Smart Health-Konzepten nutzen könnten. Der Wert des Erkenntnisgewinns von Big Data im Gesundheitswesen bemisst sich hierbei nach seinem Nutzen in der Praxis.

Risiken der Smart Health-Realisation

Neben den genannten Möglichkeiten zeigt Magdalena Soetebeer mögliche Risiken und Nebenwirkungen auf, die die Prozesse der smarten Gesundheit mit sich bringen können. Zum einen scheint es schon schwierig genug, den körperlichen Zustand in Zahlen – noch problematischer bzw. unmöglich werde es, neben der Physis auch die Psyche zu erfassen, Gedanken und Gefühle messbar zu machen. Es gebe, so die Wissenschaftlerin, zwar beeindruckendes Knowhow über die Wirkungsweisen des Gehirns, doch selbst die ehrgeizigsten internationalen Forschungsprojekte wie beispielsweise das Human Brain Project oder visionäre Unternehmen wie Neuralink stehen immer wieder vor Rätseln bei dem Versuch, das menschliche Gehirn mit seinen komplexen Zusammenhängen im Ganzen zu verstehen.

Zum Weiteren stellt das Thema der schnell wachsenden Masse an unvorstellbar komplexen Datensätzen, verbunden mit einem enormen Energieverbrauch durch die Daten selbst, eine Herausforderung dar. Auch steht die Frage, inwieweit künstliche Intelligenz den Einsatz der Ärzteschaft ersetzen könne, im Raum: Viele ihrer Aufgaben erforderten mechanische, analytische, intuitive und einfühlsame Qualitäten.

Betreut wurde die Abschlussarbeit von den Professoren Carl Frech und Erich Schöls. Auszüge aus der Laudatio von Carl Frech: „Der Titel der Bachelorarbeit `Smarte Gesundheit` verbindet sowohl den Wunsch, als auch den Widerspruch, wenn man vom wertvollsten Gut des Menschen spricht: der Gesundheit. Menschen wollen idealerweise alt werden und dann irgendwann gesund sterben. Der Widerspruch entwickelt sich daher weniger in dem rationalen Einverständnis zu einer gesunden Lebensweise, sondern in den irrationalen Verführungen, denen wir uns ein Leben lang aussetzen, was wir nicht zur Priorität erheben, auf später schieben und dabei vergessen, dass unser Körper vermutlich nichts vergisst.“

Die Gesundheit sei nicht nur ein soziales Thema, sondern auch ein immanent ökonomisches: „Wir blicken heute auf eine Gesundheitsindustrie, die in ihrer eigenen Logik oft an der Krankheit verdient und weniger an der Prävention und damit der Erhaltung von Gesundheit.“ Die Digitalität setze sich durch: „So, wie wir uns zunehmend daran gewöhnen, dass sich die Beleuchtung oder der Herd unserer Wohnung bei uns meldet oder wir aus der Ferne den Staubsaugerroboter in Betrieb nehmen können, so gewöhnen wir uns langsam an die Möglichkeit, dass die Potenziale digitaler Technologien unsere Gesundheit steuern könnten.“

Geprägt durch eine „Permaaktivität von Geräten“ werden überall im Alltag Spuren hinterlassen, die gesammelt werden. „Diese Daten sind von unschätzbarem Wert für Unternehmen und Institutionen, bieten sie doch vor allem durch clevere Auswertungsverfahren die Möglichkeit, ein relativ exaktes Bild unseres Lebens und damit auch dem Zustand unserer Gesundheit zu zeigen.“

Prof. Frech lobt die Kommunikationsdesignerin: Sie beziehe keine einseitige Position oder bewerte die Positionen ideologisch - vielmehr gelinge es ihr, sowohl die potenziellen Gefahren, als auch die positiven Optionen für das menschliche Wohl und Wehe im Blick zu behalten. Sie widme sich einem Prozess der Transformation, „dem sich eine Gesellschaft heute nicht mehr entziehen kann, bei dem es darum geht, die freiwilligen Vorteile zu nutzen (das Stichwort dazu wäre heute Nudging, eine Strategie zur Verhaltensänderung) und gleichzeitig die potenziellen Gefahren nicht aus dem Blick zu verlieren, die ggfs. durch gesetzliche Rahmenbedingungen zu regeln wären.“

Weitere Informationen unter Smarte Gesundheit

Arbeitswelt und KI 2030 (S. 51ff)

Podcast

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