Eine Gruppe FHWS-Angehöriger aus der Vogelperspektive

Wie lassen sich Wirkungen Sozialer Arbeit messen?

Tagung an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt zur Evidenzbasierung in der Sozialen Arbeit

Im sich wandelnden Sozialstaat ist Soziale Arbeit seit rund zwei Jahrzehnten mit der Frage konfrontiert, wie sich ihre Wirkungen messen und nachweisen lassen, denn zu Recht beanspruchen Klienten und Kostenträger wirkungsvolle Hilfeprozesse. Dieser Frage stellten sich 350 Teilnehmer in knapp einhundert Beiträgen auf einer zweitägigen Tagung der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt (FHWS) und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA).

Der Studiengang Soziale Arbeit an der FHWS widmet sich aufgrund seines Profils in besonderem Maße dem Tagungsthema der Evidenzbasierung, das sich in insgesamt zwölf Tagungsbeiträgen der FHWS-Professoren niederschlug. Evidenzbasierung bedeutet, dass nachgewiesene Wirkungen bestimmen, welche Methoden angewendet werden. Verknüpft ist die Frage des Wirkungsnachweises in der Praxis zunehmend damit, für welche Leistungen Geld ausgegeben wird und wie finanzielle Ressourcen verteilt werden.

Aus verschiedenen Perspektiven wurde auf der Tagung über Fragen diskutiert, wie: Was sind die aktuellen Forschungsergebnisse zu Wirkungen Sozialer Arbeit? Welche gelungenen Beispiele für Evidenzbasierung in Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit gibt es? Wie können in den komplexen Handlungssituationen Sozialer Arbeit Wirkungen nachgewiesen werden? Welche Gefahren ergeben sich, wenn Forschungsergebnisse unreflektiert, z. B. nur im Sinne einer kurzfristigen Kosteneinsparung, angewendet werden? Wie kann kritischen Entwicklungen begegnet werden, ohne den zu Recht bestehenden Anspruch auf wirkungsvolle Hilfeprozesse zu vernachlässigen?

Durchaus pointiert wurde über Wirkungen Sozialer Arbeit diskutiert. Diese müssen sich nicht unbedingt unmittelbar und kurzfristig zeigen - teilweise treten sie verzögert, vielleicht sogar erst nach einigen Jahren auf – was ihre Messung und Nachweisbarkeit erschwert. Professor Armin Schneider (Koblenz) stellte die provokante Frage, was bei einem evidenzbasierten Vorgehen „Goldstandard“ und was „glänzende Attrappe“ ist. Professor Peter Sommerfeld von der Fachhochschule Nordwestschweiz präsentierte in seinem einleitenden Vortrag „Evidenzbasierung als Beitrag zum Aufbau eines wissenschaftlichen Wissenskorpus in der Sozialen Arbeit“; die amerikanische Professorin Sigrid James, zur Zeit Gastprofessorin an der Universität Kassel, betitelte den Abschlussvortrag „Inside the Belly of the Beast“ (Im Bauch der Bestie) und stellte Möglichkeiten und Grenzen der evidenzbasierten Praxis dar.

In den insgesamt 34 Panels wurden auf der Tagung Ergebnisse, Anwendungen und Auswirkungen eines evidenzbasierten Vorgehens in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit vorgestellt und diskutiert. Professor Dieter Kulke (FHWS, Würzburg) behandelte beispielsweise die Frage, wie sich die Qualität sozialer Leistungen auf die Struktur und Versorgungslandschaft einer Region auswirkt. Er rekonstruierte, wie Politik die Entwicklung von Leistungssystemen auf der kommunalen Ebene beeinflussen kann. Am Beispiel des Strukturwandels in einem großstädtischen Viertel diskutierte Professorin Sabine Stövesand (Hamburg) ein evidenzbasiertes Vorgehen: Ärmere Bevölkerungsgruppen müssen aufgrund ständig steigender Mieten ihr Viertel verlassen, wohlhabendere ziehen ein. Soziale Arbeit hat hier die Aufgabe, nachzufragen, wie sich engagierte Gemeinwesenarbeit auf die Situation der vom Auszug bedrohten Mieter sowie deren mögliche Anteilnahme an Prozessen im Rahmen der Stadtteilentwicklung auswirkt.

Die Möglichkeiten eines evidenzbasierten Vorgehens bei Präventionsprogrammen in der Kinder- und Jugendhilfe wurden in einem von Professor Ralph-Christian Amthor (FHWS, Würzburg) geleiteten Panel diskutiert. Ein Beispiel aus der Jugendhilfe präsentierte Andreas Dexheimer: 2014 führte die Jugendhilfe Oberbayern für ihre Einrichtungen die sogenannte wirkungsorientierte Berichterstattung ein. Dexheimer stellte dazu die Ausgangslage des Trägers, die Grundlagen der Berichterstattung und zentrale Ergebnisse der Wirkungsforschung dar.

Fragen der Evidenzbasierung wurden auf der Tagung darüber hinaus diskutiert anhand von Arbeitsfeldern des Kinder- und Jugendschutzes, wie der Kindeswohlgefährdung, der Bewährungs- und Straffälligen- Hilfe, der Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund, wie auch Themen von Gewalt in der Partnerschaft, Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung oder Fragen nach der Wirkung von Bildungs- und Präventionsprogrammen.

Einen Bericht „Wie wirkt Soziale Arbeit" zur DGSA-Jahrestagung hat die Autorin Anke Gundelach im Deutschlandfunk ausgestrahlt abrufbar unter Deutschlandradio und dradio.