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„Mehr vom Leben“: Johanna Klug, Autorin, Doktorandin und Alumna der FHWS, lädt zur Lesung ein

21.06.2022 | fhws.de, Pressemeldung
Die junge Wissenschaftlerin beschäftigt sich als Sterbebegleiterin mit dem Thema der eigenen Endlichkeit

Mehr von Leben zu haben – diesen Wunsch hegen viele Menschen. Johanna Klug hat ihre Antwort auf die Frage gefunden, wie sie mehr im Leben erleben kann. Am Sonntag, 10. Juli, liest die Alumna der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Autorin und Doktorandin um 14.30 Uhr aus ihrem Debütwerk „Mehr vom Leben – wie mich die Begleitung Sterbender verändert“ im Würzburger Theater Chambinsky. Ihr Buch hat den Nerv der Zeit getroffen: Es erschien im Oktober 2021, liegt jetzt bereits in der 4. Auflage vor und hat es in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft.

Ein Interview mit der Autorin:

Wie kommt eine junge Medienmanagerin dazu, sich intensiv und wissenschaftlich mit dem Thema Sterben und Tod zu beschäftigen? Gab es einen oder mehrere Auslöser?

Mein Studium war toll, ich habe viel gelernt, und doch beschlich mich immer dieses Gefühl, dass dort nicht mein Platz ist. Aus einem Impuls heraus wollte ich auf einmal sterbende Menschen begleiten. Es gab keinen Auslöser. Aber muss es das überhaupt? Dann habe ich mit zwanzig Jahren auf der Palli (Palliativstation) angefangen und festgestellt, wie aufgehoben und angenommen ich mich dort fühle. All diese gesellschaftlichen Erwartungen und Zuschreibungen waren hier nicht von Bedeutung.

Ich war neugierig und offen und hatte zum ersten Mal keine Zweifel. Ich wusste einfach: Ich kann das. Aktuell schreibe ich Bücher, gebe Lesungen und Workshops, schreibe an meiner Doktorarbeit und begleite natürlich noch Menschen im Hospiz: 24/7 Sterben, Tod und Trauer, aber ganz ehrlich – es belastet nicht, sondern macht mein Leben viel reichhaltiger und inspirierender. Denn ich priorisiere sehr genau, mit wem ich wirklich Zeit verbringen möchte und was mir wichtig ist. Wenn man es so sagen will: Seit ich den Tod in mein Leben gelassen habe, lebe ich erst richtig.

Der Buchtitel lautet „Mehr vom Leben – wie mich die Begleitung Sterbender verändert“: Inwiefern hat die Auseinandersetzung zu einer neuen, anderen Perspektive des eigenen Lebens geführt? Macht der veränderte Blick das Leben schöner, wertvoller?

Ein bisschen, glaube ich, es ist wie in einem großen „Lebensbuch“. Ich war neugierig und habe einfach mal die letzte Seite aufgeschlagen und festgestellt, weswegen es sich lohnt zu leben. Und das sind nicht die ganzen Oberflächlichkeiten und der Smalltalk. Das macht mich müde und zieht mir Energie. Um was es wirklich geht, sind diese intensiven und tiefgehenden Momente mit Menschen. Um die Beziehung, die man aufbaut und das Vertrauen. Darauf kommt es an. Denn was bleibt wirklich am Ende? Wir können nichts Materielles mitnehmen.

Es fehlt etwas Grundlegendes in unserem Leben, wenn wir den Tod nicht als Teil unseres gesamten Lebens erkennen und akzeptieren. Vielleicht suchen wir deshalb so krampfhaft im Außen danach? Auf der Palliativstation erwartet mich das Leben in all seinen Facetten. Es wird viel gelacht, gefeiert und intensiv gelebt, aber natürlich auch geweint, getrauert und gestorben. Es ist einfach die Bandbreite an Gefühlen, die erlaubt ist und die gezeigt werden darf.

Warum mögen viele Menschen sich nur ungern mit einem möglichen Lebensende beschäftigen?

Wenn wir uns mit unserer eigenen Endlichkeit beschäftigen, wird uns ja ein Spiegel vorgehalten. Was wäre, wenn wir dann auf einmal unser ganzes Leben in Frage stellen? Zwangsläufig kommen wir dann auch wieder mit schmerzhaften Situationen in Kontakt. Doch letztlich ist es so, dass alles wiederkommt, was bis zum Ende nicht gelitten und gelöst wurde.

Da ist es natürlich „einfacher“, diese Ängste mit beispielsweise Konsum zu überdecken. Aber wer konsumiert, um sich zufrieden zu fühlen, sollte sich meiner Meinung nach auf die Suche nach innen begeben. Die Angst vor dem Tod ist der Ursprung all unserer Ängste. Wenn wir ständig den Tod präsent hätten, könnten wir also gar nicht existieren. Das ist auch gar nicht notwendig – auch, wenn ich da bestimmt kein Vorbild bin, denn ich habe das irgendwie zu meiner Aufgabe gemacht. Aber ich glaube, es braucht, wie alles, ein ausgeglichenes Verhältnis. Menschen haben ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, das merke ich immer wieder. Aber natürlich macht man sich auch dadurch sehr verletzlich, weil man sein Innerstes öffnet. Das darf nur in einem geschützten Rahmen passieren. Denn da ist ja auch ganz viel Angst vor Zurückweisung. Aus meiner Erfahrung aus bereits acht Jahren Sterbebegleitung kann ich sagen: Die Beschäftigung mit Sterben, Tod und Trauer verändert unsere Sicht auf das Leben. Und zwar positiv. Denn das Ende des Lebens kommt, früher oder später. Man kann sich nicht darauf vorbereiten, aber wir können die Angst davor kleiner werden lassen.

Inwiefern hat der Aufenthalt in Südafrika noch einmal neue Sichtweisen, Lebensentwürfe aufgezeigt?

Es war eine intensive Zeit in Südafrika, vor allem, weil ich dort im Hospiz und auch in den Townships eingesetzt war. Die Menschen dort leben in Baracken, und nur ganz wenige haben die Möglichkeiten auf Bildung, wie wir sie hier haben. Und doch waren die Menschen so viel zufriedener. Das macht demütig. Als ich zurück nach Deutschland kam, habe ich sehr lange gebraucht, um wieder hier anzukommen. Ich fühlte mich so fehl am Platz. Diese ganzen Oberflächlichkeiten, die unstillbare Gier nach immer mehr Konsum – ich konnte es nicht mehr ertragen. Wenn ich bei den Sterbenden im Hospiz oder auf der Palliativstation bin, merke ich immer wieder, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die eine wirklich große Wirkung haben: Da sein, zuhören, sich selbst zurücknehmen, aber trotzdem mit dem Gegenüber resonieren (mitschwingen). Und Situationen auszuhalten, und da zu bleiben, die nicht immer schön sind. Denn das ist die Realität des Lebens.

Welche Berufsperspektiven können Absolvierende des Masterstudiengangs „Perimortale Wissenschaften“ aufnehmen? Jetzt könnte man ganz platt sagen: Berufsperspektiven um den Tod sterben nicht aus, und in der Tat ist da ja schon was Wahres dran: Wir leben ja in einer alternden Gesellschaft. Bereits Facebook gleicht schon einem digitalen Friedhof, weil viele Menschen auch gar nicht um Dinge wie digitaler Nachlass, Gedenkseiten auf Social Media etc. wissen. Von daher sehe ich viele Perspektiven, die natürlich ganz individuell gestaltet werden können. So ist es ja aber bei vielen Studienrichtungen – die Ausrichtung erfolgt nach den jeweiligen Motivationen und Fähigkeiten. Beispielsweise hat eine Studentin mit einer Bekannten ein Startup für Papierurnen gegründet. Das geht richtig durch die Decke, weil es eben nachhaltig und recycelbar ist. Ich bin mir sicher: Der Tod hat ein großes Berufspotenzial.

Arbeiten Sie an einer weiteren Publikation zum Thema Sterben und Tod oder an einem anderen Thema?

Am 4.10. erscheint mein neues Buch „Liebe den ersten Tag vom Rest deines Lebens“. Und ehrlich gesagt sind diese Texte für mich nochmal sehr viel intensiver und emotionaler. Denn ich erzähle darin von zehn Menschen, die ich in den letzten acht Jahren begleitet habe.

Jetzt fokussiere ich mich wieder auf meine Doktorarbeit. Das heißt, ich bin aktuell zwar als Autorin tätig, widme mich aber auch wissenschaftlich den Themen rund um Sterben, Tod und Trauer. Vor allem die Verbindung von Kindern und Tod ist für viele Menschen ein noch größeres Tabu, weswegen ich es umso bedeutsamer finde, mich in meiner Promotion mit der „Patient:innenautonomie sterbender Kinder innerhalb ihres jeweiligen Familiensystems“ zu beschäftigen.

Wenn Sie gefragt werden würden: Wofür leben Sie, könnten Sie dies in einem Satz beantworten?

Das ist eine interessante Frage, und ich glaube, ich würde es lieber dahingehend formulieren, was mich leidenschaftlich in meinem Leben antreibt. Und das ist tatsächlich die eigentlich tägliche Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Es ist die Wechselseitigkeit. Denn das eine kann nicht ohne das andere. Ich glaube, wenn wir sozusagen den Tod, oder die Beschäftigung damit, nicht in unser Leben lassen, leben wir an unserem eigentlichen Leben vorbei.

Die Autorin Johanna Klug

Johanna Klug, geboren 1994, ist eine ausgebildete Sterbebegleiterin mit langjähriger Erfahrung im Hospiz- und Palliativbereich in Deutschland und Südafrika. Sie studierte Medienmanagement mit Schwerpunkt Journalismus (B.A.) an der FHWS in Würzburg und Groningen sowie Digitale Kommunikation (M.A.) in Hamburg und Oslo. Von 2019 bis 2021 war Johanna Klug wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem interdisziplinären Masterstudiengang „Perimortale Wissenschaften“ an der Universität Regensburg, der sich mit Sterben, Tod und Trauer beschäftigt. Seit November 2021 ist sie freiberufliche Autorin. Aktuell schreibt sie an ihrer Doktorarbeit.

NDR-Sendung "DAS!" mit Johanna Klug