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Menschliche Reproduktion: Sollen Ärzte gezielte Veränderungen im menschlichen Erbgut vornehmen?

14.11.2018 | fhws.de, Pressemeldung, FAS
Kinder nach Maß: Wie Biotechnologien die Fortpflanzung und Gesellschaften verändern könnten

Eingriffe in die menschliche Keimbahn erscheinen aufgrund neuer, präziser Möglichkeiten der Veränderung des Genoms, der Genome-Editierung, in naher Zukunft möglich. Im Rahmen der Science Week Berlin stellte das Karlsruher Institut für Technologie die Frage: „Sollen Ärzte zur Verhinderung von Krankheiten gezielte Änderungen des menschlichen Erbguts vornehmen?“ Zugleich stellten sie den Ergebnisbericht aus dem Projekt „BueDeKa Bürgerdelphi Keimbahntherapie“ vor. Beteiligt an der Podiumsdiskussion war ebenfalls Professorin Dr. Tanja Henking, die an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt eine Professur für Gesundheits-, Medizin- und Strafrecht innehat. Sie hat gemeinsam mit Dr. Robert Ranisch (Tübingen) ein Gutachten zu den ethischen und rechtlichen Fragen der Keimbahninterventionen im Auftrag des Deutschen Bundestages erstellt und Auszüge davon im April diesen Jahres in einer nicht-öffentlichen Sitzung dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung präsentiert.

Zum BueDeka-Projekt: Im Zeitraum April bis Juli 2018 haben 26 Teilnehmende am „Bürgerdelphi Keimbahntherapie“ mitgewirkt. Bei diesem Beteiligungsverfahren handelt es sich um ein vom Kommunikationsberater Dr. Ralf Grötker (Explorat Forschung & Kommunikation) entwickeltes Format, das Aspekte der Delphi-Befragungsmethode und des Bürgergutachtenverfahrens vereint. Zwei der Teilnehmenden haben sich nun auf der Podiumsdiskussion gemeinsam mit Professorin Dr. Tanja Henking und zwei Vertretern der Politik eingefunden. Sascha Karberg, Wissenschaftsredakteur beim Tagesspiegel und Experte für Biotechnologie, hielt einen Vortrag zum Thema „Keimbahninterventionen im Jahre 2222 – eine Zukunftsvision“ auf Basis eines fiktiven Brief- und Tagebuchaustausches einer Urenkelin mit deren Großmutter, unterteilt in drei Abschnitte, die jeweils einen neuen Themenaspekt der Podiumsdiskussion einleiteten.

Im Zentrum von Karbergs Überlegungen standen „Kinder nach Maß“ und die Möglichkeit, wie Biotechnologien die Fortpflanzung und Gesellschaft verändern könnten. Zahlreiche Fragen stellten sich, z.B. ob Gen-Defekte durch eine Intervention in der Samen- oder Eizelle oder im Embryo behoben werden dürfen, oder ob Kinder weiterhin ohne Hilfsmittel, Nachwuchsberater oder Erbgutoptimierung ins Leben starten. Staaten könnten künftig festlegen, welche Charakter- und Gesundheitseigenschaften ihre Bürger mitbringen sollten, um einen Staat entsprechend von innen heraus zu formen und Kosten für Medikamente und Therapien einzusparen. Intelligenz, Körpergröße, das Wunschgeburtsdatum, Musikalität und weitere Eigenschaften könnten von ambitionierten Eltern vorgegeben werden für ihr Wunschkind. Eine Utopie oder doch eher Dystrophie (Fehlwuchs)?

Das Podium griff unaufgeregt von diesen vielschichtigen Überlegungen die Themen auf. Geleitet vom Radio-Moderator Michael Hoelzen, diskutierten Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen), Rudolf Henke (CDU), Professorin Dr. Tanja Henking (FHWS) und Teilnehmende des Bürgerdelphis über Chancen und Risiken der Keimbahntherapie und Optionen für die rechtliche Regulierung. Ausgangspunkt bildete die Frage, ob Eingriffe in die menschliche Keimbahn zugelassen werden sollen. Im ersten Themenblock wurden Potientiale der Keimbahntherapie erläutert. Seit den jüngsten Fortschritten um die Molekularschere namens CRIPR/Cas rückt die Veränderung mittels Genom-Editierung des menschlichen Erbguts in greifbare Nähe. Mit der Genom-Editierung verbindet sich die Hoffnung, schwere Erbkrankheiten aus dem Genom herauszuschneiden. Bevor dieser Schritt am Menschen jedoch gewagt werden kann, bedarf es weiterer intensiver Forschung. Als Impuls aus dem BueDeka-Projekt kam die Forderung der Zulassung der Forschung an Embryo, wobei Professorin Dr. Henking dafür warb, diese Themen zu trennen.

Im zweiten Teil ging es vor allem um die Risiken der Keimbahnintervention, die vor allem in Entwicklungen gesehen wurden, die zur „Verbesserung“ des Menschen führen. Beginne man mit der Keimbahnintervention, wecke dieses Begehrlichkeiten, die nicht bei monogenetischen Erbkrankheiten enden, sondern auch andere verbessernde Eigenschaften umfassen. Intelligenz, Aussehen, verbessertes Immunsystem waren dabei einige Beispiele. Gleichwohl wurde hier eingewandt, dass die Genforschung noch längst nicht in der Lage wäre, Eingriffe zu ermöglichen und diese Überlegungen daher als höchst spekulativ einzuordnen wären. Als Risiko wurden aber auch die sog. „unknown unknows“ verhandelt. Denn das Wissen um die Methode und Kenntnisse über das Genom sind nicht ausreichend, um die Risiken einer Keimbahnintervention überhaupt einschätzen zu können, da mit zu vielen Unbekannten gearbeitet werden müsste.

Zudem stand die Überlegung im Raum, ob es vertretbar sei, in das Erbgut des späteren Kindes einzugreifen. Während dieses einige der Teilnehmenden als Chance einer frühestmöglichen Krankheitsbehandlung oder –prävention sahen, stand dagegen die geäußerte Gefahr einer Fremdbestimmung und einer Pflicht, das Genom „natürlich“ zu belassen.

Der letzte Teil des Vortrags widmete sich möglichen Regulationsmöglichkeiten. Hier fand der vom Deutschen Ethikrat formulierte Appel nach einer internationalen Regelung Zustimmung, wenngleich Skepsis angesichts bereits laufender Forschung an Embryonen mit Genome-Editing angebracht erschien. Die Berlin Science Week versteht sich als „internationales Treffen, das Menschen aus den innovativsten Einrichtungen der Welt zusammenbringt“ und dabei den Dialog zwischen Wissenschaft und Dialog fördert. Hierzu hat die Podiumsdiskussion vor einem interessierten Publikum ihren Beitrag geleistet.

Weitere Informationen unter BueDeKa