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Vortrag zum Thema „1968 und die Soziale Arbeit – Persönliches und Fachliches zweier Beteiligter“

29.06.2018 | fhws.de, Pressemeldung, FAS
Dreihundert Studierende folgten dem Vortrag in die Zeit der Studentenbewegungen und ihren Folgen

Vor fünfzig Jahren – 1968 – waren die sogenannten Studentenbewegungen in allen Medien vertreten und prägten in etlichen Großstädten über Jahre das gesellschaftliche Leben, Denken, Handeln. Die Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt lud ein zum Vortrag „1968 und die Soziale Arbeit – Persönliches und Fachliches zweier Beteiligter“, dem rund dreihundert Bachelor- und Masterstudierende folgten.

Die beiden Referenten, Ingrid Mielenz, Jahrgang 1945, sowie Dieter Kreft, Jahrgang 1936, Herausgeber des Standardwerkes „Wörterbuch Soziale Arbeit“, hatten diese Zeit miterlebt. Ingrid Mielenz hatte von 1972 bis 1974 Soziologie, Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Arbeitsrecht studiert. Dieter Kreft hatte nach der Berufsausbildung (Diplom-Verwaltungswirt F. H.) ein Studium der Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften (Diplom-Kameralist) und ein Zweitstudium der Erziehungswissenschaft erfolgreich absolviert.

In den 68ern, so schilderten sie es, seien wichtige Aspekte u.a. die internationale Dimension der Studentenbewegung und der Einfluss der USA und von anderen europäischen Ländern gewesen. 1966 sei die „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) gegründet worden, die sich zeitgleich mit der großen Koalition von CDU/CSU und SPD unter dem Bundeskanzler Kiesinger formierte und 1967/1968 insbesondere in den großen Universitätsstädten ihren Höhepunkt fand. Die beiden Referenten gingen ein auf die Rolle Rudi Dutschkes als Studentenführer, auf prominente Professoren, die in Beziehung zur Studentenbewegung standen, wie z.B. Horkheimer, Gollwitzer und Marcuse; sie erläuterten die Rolle des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der ursprünglich zur SPD gehörte und in den sechziger Jahren die westdeutsche Studentenbewegung sehr beeinflusste.

In dieser Zeit habe auch der erste Auschwitzprozess in den Jahren 1963 bis 1965 stattgefunden, der eine breite Öffentlichkeit den Schrecken der nationalsozialistischen Terrorherrschaft zeigte. Die Studentenbewegung habe sich ab 1967 radikalisiert durch den Tod von Benno Ohnesorg während der Proteste gegen den Besuchs des Schahs von Iran, 1968 habe das Attentat auf Rudi Dutschke dessen Tod verursacht, der noch ein Jahr zuvor den „Marsch durch die Institutionen“ proklamiert habe.

Wichtige Themen dieser Bewegung seien u.a. die Demokratisierung der Hochschulen mit einer Mitbestimmung der Studierenden gewesen, es gab Proteste gegen den Vietnamkrieg, im Mai 1968 wurden die Notstandgesetze beschlossen. Die Studierenden orientierten sich seinerzeit, so Mielenz und Kreft, an den Protagonisten sozialistisch-revolutionärer Bewegungen, wie beispielsweise Che Guevara und Mao Tse-Tung, es wurden Schriften von Karl Marx gelesen. Trotz ihrer heutigen Bekanntheit sei die 1968er-Bewegung letztendlich eine relativ kleine gesellschaftliche Gruppe gewesen, die allerdings über eine große Strahlkraft auf nachfolgende soziale Bewegungen in Deutschland verfügt habe, beispielsweise die Friedens-, die Frauen-, die Anti-Atomkraft-, die Schwulen- und Lesben-, die Alternativbewegung bis hin zur Gründung der Partei „Die Grünen“ im Jahr 1980.

Für die Entwicklung der heutigen Sozialen Arbeit seien vor allem die nachfolgenden sozialen Bewegungen ausschlaggebend gewesen. Ingrid Mielenz und Dieter Kreft hoben insbesondere die Frauenbewegung, die antiautoritäre Erziehung und das bürgerschaftliche Engagement hervor. Allerdings wurden bereits 1968 die ersten „Kinderläden“ von Studierenden begründet. Dieter Kreft hob hervor, dass der Begriff „antiautoritär“ in der Öffentlichkeit vielfach völlig falsch verstanden und hierbei nur auf einen Erziehungsstil reduziert würde; tatsächlich waren mit der antiautoritären Erziehung umfassende „Erziehungskonzepte“ verbunden, zu denen auch Werte wie Kinderrechte, Demokratisierung der Erziehung, Eigenständigkeit und Selbstbildung zählten. Diese Kinderläden waren Elterninitiativen, die später als eigenständige Träger der Kinder- und Jugendhilfe anerkannt wurden.

Beide Referenten erinnerten an die sogenannten „Heimkampagnen“, bei denen Studierende auf die problematische Situation von Kindern in den Heimen der damaligen Zeit hinwiesen. Heute sei bekannt geworden, dass die Verhältnisse in den Heimen der 1950er und 1960er Jahre katastrophal gewesen seien; dieser Tatbestand werde zudem von der historischen Forschung der Sozialen Arbeit der letzten fünfzehn Jahre hinreichend bestätigt.

Im bürgerschaftlichen Engagement sei es darum gegangen, dass Bürger für ihre Belange eingestanden seien und gegen schlechte Lebensverhältnisse demonstriert hätten. Es sei zu Gründungen von Mütterzentren, Familienzentren, zum Aufbau von Netzwerken von Selbsthilfegruppen gekommen. Die Emanzipation habe sich in den 1970er Jahren zu einem wichtigen Leitbegriff in der Sozialen Arbeit entwickelt, beispielsweise in der emanzipatorischen Jugendarbeit. Es bildeten sich alternative Projekte in vielen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit heraus.

Im Jahr 1980 formulierte Ingrid Mielenz das für uns heute noch wichtige Prinzip der „Einmischungsstrategie“, für das sie 1984 mit dem Hermine-Albers-Preis (Deutscher Jugendhilfepreis) ausgezeichnet wurde. Dieses Prinzip besagt, dass die Kinder- -und Jugendhilfe und die Soziale Arbeit insgesamt sich nicht nur auf die angestammten Wirkungsbereiche beschränken sollte, sondern sich auch in andere gesellschaftliche Bereiche - im Interesse der Kinder und Jugendlichen, der Klienten - einmischen müsse, wo es für nötig befunden werde.

Auf die Frage, was sie der jüngeren Generation mit auf den Weg geben könnten, antworteten sie: Die Soziale Arbeit habe mit vielen Menschen zu tun, die am Rande der Gesellschaft stünden. Es brauche tatkräftige Sozialpädagogen, die sich für sie einsetzen, für sie Partei ergreifen und damit zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitrügen. In ihrem Leben, so führte Ingrid Mielenz aus, habe sie als Frau und Führungskraft niemals den Konflikt gescheut, das Leben habe ihr „Mut“ abverlangt, sie hätte unglaublich viel bewegen können. Heute mutig zu sein und couragiert für andere im Rahmen der Sozialen Arbeit einzutreten, war ihre Aufforderung an die anwesenden Studierenden.

Zum Hintergrund:

Das „Wörterbuch Soziale Arbeit“, das 2017 in 8. Auflage herausgekommen ist, wird u.a. auch an der FHWS weitergeführt durch Professorin Dr. Theresia Wintergerst und Professor Dr. Ralph Christian Amthor sowie Professorin Dr. Brigitta Goldberg von der Evangelischen Hochschule Bochum, Professor Dr. Peter Hansbauer von der Fachhochschule Münster sowie Benjamin Landes, Geschäftsführer des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt/M. Der Link zum Wörterbuch E-Book-Version